Rachal Bradley "Im Volksgarten"
Rachal Bradley "Im Volksgarten"
Carissa Rodriguez "Im Volksgarten"
Carissa Rodriguez "Im Volksgarten"
Julia Scher "Im Volksgarten"
Julia Scher "Im Volksgarten"
Olivia Ali und Tobias Kaspar "Im Volksgarten"
Olivia Ali und Tobias Kaspar "Im Volksgarten"
Bea Schlingelhoffs Sammlungseinblick
Bea Schlingelhoffs Sammlungseinblick
Olivia Ali und Tobias Kaspar "Im Volksgarten"
Olivia Ali und Tobias Kaspar "Im Volksgarten"
Plakat Kunsthaus Glarus zur Ausstellung
Plakat Kunsthaus Glarus zur Ausstellung
Sammlungsdokumentation
Sammlungsdokumentation

Kunst

Kunsthaus Glarus: Ausstellung "Im Volksgarten" vom 5.9. bis 29.11.2020

Das Kunsthaus Glarus zeigt zum Thema "Im Volksgarten" eine Ausstellung mit der Beteiligung internationaler, zeitgenössicher Künstler*innen.

Als Blogger habe ich mich beim Besuch der Ausstellung schnell an den Leitsatz „man sieht, was man weiss“ erinnert. Die menschliche Informationsaufnahme bewegt sich zwischen den Polen der sinnlichen Wahrnehmung und der Intuition. Die Informationsverarbeitung geschieht zwischen den Polen der Emotionen und des Denkens. Die Ausstellung ist eine Herausforderung, weil sie mit der Kombination von sinnlichen Wahrnehmungen und dem Denken funktioniert. Dies bedeutet, dass nicht in erster Linie Bilder vor unseren Augen entstehen. Es braucht die Auseinandersetzung über den Denkapparat – hier über die Logik, nicht über die Intuition – um zu verstehen oder nachzuvollziehen, was die Kunstler*innen aussagen wollen. In diesem Sinn ist es eine Herausforderung der Ausstellung zu folgen, weil sich der/die Betrachter*in den Gedanken der Künstler*innen stellen muss, oder anders gesagt: Die Besucher müssen die Absichten der Kunstschaffenden lesen, damit sie verstehen können, mit welchen Gedankengängen sich die Künstler*innen beschäftigt haben.

Ausgangspunkt sind Fragen wie: Wie wechseln Objekte und Dinge ihren Status, wenn sie ins Museum kommen? Wie verführen uns diese Dinge? Welchen Stellenwert hat in dieser Öffentlichkeit das Private und Intime? Welche sozialen oder politisch-öffentlichen Bedeutungen bringen wir mit dem Museum in Verbindung? „Besitz“ wird in dieser Ausstellung „Im Volksgarten“ über das Objekt hinaus verstanden und zurück in den Raum gekehrt, soweit Judith Welter, die Direktorin des Kunsthauses.

Mir sind die vielen gedanklichen Verbindungen der Künstler*innen mit der Wissenschaft aufgefallen. Das ist ein Trend, welchen ich häufig beobachten kann. Es werden Verbindungen hergestellt, die über die Wahrnehmung nicht zugänglich sind. Die Wissenschaft „schafft Wissen“ zur Lösung der Rätsel der Gegenwart, auf der Basis von Hypothesen, die mit Untersuchungsdaten belegt sind oder nicht bewiesen werden können. Die im Kunsthaus angebotenen Werke arbeiten nicht mit Hypothesen. Sie stellen lediglich fest, dass es so oder anders sein könnte. Andere gedankliche Verbindungen geschehen zur Literatur, etwa zu Robert Walser, oder zu Künstlern aus der Vergangenheit, wie etwa Constantin Brancusi. Da werden Kenntnisse aus der Kunstgeschichte oder der Literatur vorausgesetzt, die der Besucher durch das Studium der Beschreibungen aufnehmen kann.

Die einzelnen Positionen

Bea Schlingelhoffs – *1971 Zürich – hat zu rund 300 Künstlerinnen, die in der Sammlung des Kunsthauses sind, eine Diashow entwickelt. Sie zeigt mit der Präsentation ihre konzeptuell-künstlerische Praxis, die sie schon bei der Ausstellung im Freulerpalast gezeigt hat. Die Besucher verweilen gerne vor den drei Projektionsflächen und lassen sich von der Vielfalt der künstlerischen Positionen überraschen. Schade ist nur, dass zu den präsentierten Namen der Künstlerinnen und den Jahreszahlen zu den Eingängen in der Sammlung, keine direkten Bezüge zwischen Künstlerin und Werk angegeben sind. Diese Orientierung wird mit einem vollständigen Katalog der Arbeiten aber sichergestellt. Die Sichtbarkeit des gesamten Konvoluts und die akribische Aufarbeitung der Arbeiten ist eindrücklich.

Rachel Bradley – *1979 Blackpool und London – Sie interessiert sich für psychosoziale Eigenschaften von Infrastrukturen. Ihre Arbeiten richten sich an die in Kunstinstitutionen vorherrschenden Sozialstrukturen und mit dort vorherrschenden Vorstellungen von Arbeit. Diese Institutionen sind mit der Wissensproduktion betraut, aber auch geprägt von sozialen Beziehungen und Machtverhältnissen. Bei ihrer skulpturalen Praxis schafft sie materielle Körper zwischen Funktion und Fiktion. Die installierten Satellitenempfänger an der Aussenwand des Kunsthauses suggerieren eine Verbindung zwischen der Innen- und Aussenwelt des Museums. Dahinter verbergen sich Ionisierungsgeräte, die die Luft reinigen sollen. Der energetische Effekt auf die Raumatmosphäre ist allerdings wissenschaftlich umstritten. Die Künstlerin hat einen Text erarbeitet, der zu Beginn der Ausstellung als öffentliche Lesung vermittelt worden ist.

Carissa Rodriguez – *1970 New York – Das Video «The Maid» folgt einer Auswahl von Newborn-Skulpturen der amerikanischen Künstlerin Sherrie Levine. Diese ist eine US-amerikanische Fotografin und Konzeptkünstlerin, die der «Appropriations-Art-Bewegung» zugerechnet wird, also der Nachahmung von Künstlern*innen und dem Anspruch darauf eigene Kunst geschaffen zu haben. Rodriguez untersucht, wie die Technik der modernen Reproduktion  organisiert wird, mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Technologie.

Richard Frater – *1984 Wellington NZ und Berlin – Er versteht die Institution Kunsthaus als öffentlicher Raum, wo Mensch und Natur aufeinandertreffen. In seiner Installation bezieht er sich auf die Vogelkunde. Er geht davon aus, dass die Glasscheiben für die Vögel unsichtbar sind und diese nicht wahrgenommen werden können. Die Vögel sind dazu eingeladen auf die Fensterscheiben zuzufliegen. Der Künstler setzt sich so mit der Situation im Kunsthaus Glarus auseinander und nimmt Bezug auf den Vogelschutz, der an den Scheiben des Kunsthauses in Form von Gittern montiert ist. Die Suche nach einer Lösung des Problems ist mit dem Vogelschutz immer noch pendent.

Julia Scher – *1954 Hollywood und Köln – Die Arbeit «Delta» besteht aus einer Audioinstallation im ersten Obergeschoss und einer Serie von seltsamen, betonartigen Wandpaneelen im Seitenlichtsaal, die der Akustikdämmung dienen könnten. Die Künstlerin befasst sich mit der Überwachungsgesellschaft und vorherrschenden Prinzipien von Autorität und Kontrolle. Seit den 1980-iger Jahren unterwandert sie mit Installationen und Werkserien Sicherheitssysteme für die Kontrolle von privatem und öffentlichem Raum. Eine Thematik, die in der aktuellen Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat.

Olivia Ali und Tobias Kaspar – *1985 und 1984, Juristin und Künstler Zürich – «Stop reading my Art as the Story of my Life» zeichnet in abstrakten Zügen das Leben eines fiktiven Charakters nach. Ein umgekehrtes Kreuz bestückt mit Tauf- oder Hochzeitsblumen sind Symbole der Verbundenheit. Die Skulpturen und Objekte dienen als Ankerpunkte einer Erzählung. Die Arbeiten der Künstler*in fragt nach den Konventionen der Institutionen, die im Balanceakt mit ihren teilweise historischen Bezügen versuchen das zeitgenössische Leben in sich aufzunehmen.

Trisha Donnellys – *1974 San Franzisco und New York – Ihre Arbeiten sind kaum sicht- oder wahrnehmbar und entziehen sich den vermeintlich gültigen Mustern der Betrachtung und Vermittlung. Der Soundtrack «Dark Wind» wird zum subtilen Begleiter der Ausstellung. Das Geräusch eines heulenden Windes kennen wir aus Erfahrung. Es wird ein Spannungsbogen von älteren Westernfilmen aufgezeigt, der bevorstehende Ereignisse ankündigt. Es braucht Musse und Zeit, um diese Arbeiten wahrzunehmen. Donnellys macht Kunst, die im Spannungsfeld von Erwartungshaltungen sich bewegt und Projektionen und Fantasien der Besucher*innen reflektiert.

Die Ausstellung "Im Volksgarten" fordert die Besucher*innen heraus, indem sie nicht direkt zugängliche, sinnliche Wahrnehmungen mit unseren Denk- und Sehgewohnheiten in Verbindung bringt. Die Besucher*innen sind gut beraten, wenn sie sich für das Gezeigte Zeit nehmen und bereit sind sich in das was man nicht unmittelbar sehen kann, einzulassen. Es gilt: «Man sieht, was man weiss».

Autor: Eduard Hauser, Kulturblogger

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Kulturblogger Glarus

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Kategorie

  • Top News national / international
  • Kunst / Design

Publiziert am

22.09.2020

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