Walter Steinmann, ehemaliger Direktor des Bundesamtes für Energie (BFE) und Lisa Hämmerli von der Klimabewegung Glarus.
Walter Steinmann, ehemaliger Direktor des Bundesamtes für Energie (BFE) und Lisa Hämmerli von der Klimabewegung Glarus.

Dies & Das

Briefwechsel zweier Klimabewegter

Der Briefwechsel zweier Klimabewegter –  Lisa Hämmerli schreibt an Walter Steinmann – erscheint derzeit auf www.powertage.ch.

Liebe Lisa

Ja, der Bericht über Eure Landsgemeinde war wirklich für mich die erfreulichste Nachricht der letzten Wochen. Ich danke Euch für Euer grosses Engagement: Ihr habt der ganzen Schweiz gezeigt, dass es geht und Verbote heute oft sinnvoller sind als grosse Subventionsprogramme. Toll, was Kaj da als Youngster hingekriegt hat. Das ist konstruktive Klimapolitik, wie ich sie mir wünsche.

Vielleicht hast Du auch das Interview mit der Wirtschaftsprofessorin Monika Büttler in der NZZ am Sonntag gelesen? Sie begrüsst als liberale Ökonomin nicht nur Euer Verbot, sondern spricht sich parallel für eine hohe CO2-Abgabe aus, die vollständig an die Bevölkerung zurückzuerstatten wäre. Ich bin überzeugt, dass eine derartige Abgabe bei vielen schon bald zu Verhaltensänderungen führen würde.

Weniger Freude bereitet mir die Grundkonzeption zur neuen CO2-Vorlage, die Bundesrätin Simonetta Sommaruga letzten Freitag vorgestellt hat. Sie ist mutlos. Eine solche Vorlage sollte doch mindestens ein paar scharfe Zähne enthalten, ansonsten resultiert am Schluss kein Fortschritt, sondern bestenfalls Stillstand. Für mich scheint es kaum realistisch, mit einem so konzipierten Gesetz die Klimaziele 2030 zu erreichen. Ich bin gespannt, wie die Klimajugend darauf reagiert und welche Vorschläge von dieser Seite kommen.

Neben der Klimadebatte ist in den letzten Wochen auch die Frage der Versorgungssicherheit im Winter wieder ins Zentrum gerückt. Warum?

Das gescheiterte Rahmenabkommen führt dazu, dass die Schweiz von vielen europäischen Gremien ausgeschlossen wird, die sich mit Fragen der Versorgungssicherheit befassen und gemeinsame Aktionen beschliessen. Um Stromengpässe zu verhindern, muss die Schweiz nun vermehrt eigene Massnahmen ergreifen. Es geht insbesondere um das Ende des Winters: Im kalten Februar und März ist der Stromverbrauch jeweils hoch und die Pegelstände der Speicherseen tief. Wie könnte die Versorgungssicherheit in dieser kritischen Periode gestärkt werden?

Am einfachsten wäre es, den Stromexport in der kritischen Periode zu verbieten. Oder man könnte den Stromproduzenten eine Entschädigung anbieten, wenn sie den Strom aus Wasserkraft als Reserve bis zum Ende des Winters bereithalten. Letzteres schlägt der Bundesrat in seiner Botschaft zum Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien vor. Ebenfalls schlägt der Bundesrat den Zubau von 2 Terawattstunden sicher abrufbarem Winterstrom bis 2040 vor.

Daneben machen aktuell noch drei andere Konzepte Furore:

Peaker-Gaskraftwerke sollen bei Bedarf am Ende des Winters stunden- oder tageweise Strom produzieren, um bei Engpässen die Netzstabilität sicherzustellen.

Die Gruppe Powerloop empfiehlt eine dezentrale Variante mit Blockheizkraftwerken in den Quartieren. Diese liefern üblicherweise Wärme, könnten aber bei Bedarf am Winterende auch Strom produzieren.

Die Kehrichtverbrennungsanlagen produzieren meist schon heute Strom als Teil ihrer Hochtemperaturprozesse. Sie könnten ihre Stromproduktion bei Bedarf massiv erhöhen, wenn sie zusätzlich Brennstoff (Gas?) zufügen würden.


All diese Konzepte scheinen innert weniger Jahre realisierbar. Es müsste allerdings aufgezeigt werden, wie sie finanziert werden sollen und wie „grün“ die eingesetzten Brennstoffe am Ende wirklich sind.

Auf eine mittlere Frist werden in grossen Forschungskooperationen Konzepte angedacht, die uns einen „White Winter“ ohne zusätzliche CO2-Emissionen versprechen. Verschiedene Ansätze setzen dabei auf das Einfangen von CO2, das dann in ein geeignetes Gestein eingeimpft und mineralisiert wird.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Diskussionen, die wir aktuell bei Transitgas und Fluxswiss führen: Wird nach 2040 im Zuge der Dekarbonisierung in den Pipelines statt Gas etwa Wasserstoff oder gar CO2 zwischen Nord- und Südeuropa transportiert?

Liebe Lisa, unsere Klima- und Energiepolitik bleibt spannend. Wir aber werden unseren Austausch per Blog, wie wir dies vereinbart hatten, auf Ende September einstellen. Ich danke Dir für Deine interessanten Beiträge und Stimmungsbilder, die Du mir in den vergangenen Monaten vermittelt hast. Ich freue mich, mit Dir weiter engagiert für eine zukunftsorientierte Klima- und Energiepolitik zusammenzuarbeiten.

Herzliche Grüsse

Walter

Über die Schreibenden:

Dr. Walter Steinmann, *1951, ehemaliger Direktor des Bundesamtes für Energie (BFE, 2001-2016), ist Leiter des Advisory Board der Powertage und unabhängiger Berater verschiedener Projekte. Er engagiert sich für Start-ups und hilft mit Innovationen voranzubringen und die Transition im Energiesektor effizient zu gestalten. www.steinmannconsulting.ch

Lisa Hämmerli, *1993, ist im Glarnerland aufgewachsen und hat an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften studiert. Anschliessend arbeitete sie an der ETH als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich der Wahrnehmungsforschung zu negativen Emissionstechnologien. Heute arbeitet sie in einem Ingenieurbüro, welches auf Abbau- und Deponieprojekte spezialisiert ist. In ihrer Freizeit engagiert sie sich bei der Klimabewegung in Glarus. Als Co-Präsidentin von KlimaGlarus.ch setzt sie sich für mehr Klimaschutz ein. www.klimaglarus.ch


#klimaglarus.ch

Autor

KlimaGlarus.ch

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Kategorie

  • Gesellschaft
  • Mensch / Technik
  • Natur

Publiziert am

21.09.2021

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