Jan-Philip Schulze, Ulf Schneider, Olivia Vermeulen
Jan-Philip Schulze, Ulf Schneider, Olivia Vermeulen
Gespanntes Lauschen im gut gefüllten Soldenhoffsaal Glarus
Gespanntes Lauschen im gut gefüllten Soldenhoffsaal Glarus
Herzlicher Applaus und süsse Präsente am Schluss
Herzlicher Applaus und süsse Präsente am Schluss

Musik

Konzert im Soldenhoffsaal – Blick hinter die Kulissen

Vor bald 100 Jahren wurde die Kulturgesellschaft Glarus – damals unter dem Namen „Glarner Musikgesellschaft“ gegründet – mit der Idee, Künstler allerersten Ranges ins Glarnerland zu holen. Noch immer lebt der Vorstand, eine Handvoll unermüdliche Ehrenamtliche, dieser Vision nach. So auch beim letzten Konzert am 8. Februar 2020. Ein Einblick aus Sicht eines mitorganisierenden Vereinsmitglieds.

Von den 12 Veranstaltungen der Kulturgesellschaft Glarus in der Saison 2019/2020 sind drei Konzerte. Martin Zimmermann als langjährigem Vorsitzenden des Musikressorts gelingt es, der Vision der Gründer nachlebend, spannende Programme und erstklassige Musiker nach Glarus zu bringen – dank seiner Verbindungen in die nationale und internationale Musikszene. Auch der Abend mit Schubert-Liedern und Kammermusik unter dem Titel „Schwanengesänge“ im intimen Ambiente des Soldenhoffsaals verspricht ein Publikumsliebling zu werden. Glückliche Gesichter im vollen Saal, herzlicher Applaus – zufriedene Künstler, die vom Glarner Publikum und dem tollen Konzertort schwärmen – so gelingt dann auch am 8. Februar der Auftritt von Jan-Philip Schulze (Piano), Ulf Schneider (Violine) und Olivia Vermeulen (Mezzosopran) in Glarus. Trotzdem wars ein Abenteuer - denn erst zwei Tage vorm Konzert steht fest, wer für die ursprünglich vorgesehene, erkranke Sängerin Rachel Harnisch einspringt! Dass die drei Musiker nicht einfach ein Programm aus der Schublade ziehen konnten, sondern erst am Tag vor dem Konzert kurzfristig geprobt und die Werke festgelegt wurden – dabei möglichst nah an der ursprünglichen Idee, das ist schon bemerkenswert. Für Olivia Vermeulen, die im Opernfach und als vielseitige Sängerin auf dem Sprung zu einer grossen Karriere ist, wird es die Erstaufführung mancher Schubert Lieder. „War ich nicht zu fest an den Noten?“ fragt sie uns, die Veranstalter hinterher – doch ihre Präsenz, ihr souveräner Vortrag sind auch bei diesem „Kaltstart“ spürbar, dazu die Wachheit des ausgezeichneten Begleiters: eine sehr lebendige Darbietung!


Endspurt der Konzert-Vorbereitung
Aber nochmals kurz einen Blick zurück – ein kleines Making of:  Etwa ein bis eineinhalb Jahre vorher muss organisiert werden, wer in der Saison auftreten wird. Bevor die Hauptversammlung der Kulturgesellschaft Glarus im Juni 2019 das Programm 2019/2020 präsentiert bekommt, hat der Vorstand bereits länger daran gearbeitet. In einer früheren Publikumsumfrage wurden immer mal wieder Schubertlieder gewünscht, auch die Kombination mit Kammermusik ist geeignet, verschiedene Kreise anzusprechen – im Publikum finden sich regelmässig auch viele Laiensänger und – instrumentalist*innen. Zu teuer darf es aber auch nicht werden, weil im kommenden Jahr ein grosses Jubiläum ansteht. Und ein passender Konzertraum muss gemietet werden – hier haben wir Glück mit dem Soldenhoffsaal, den uns der Kanton sogar gratis zur Verfügung stellt, sofern der Veranstalter nichts am Konzert verdient (was eben praktisch leider immer der Fall ist). Aus diesem Grund muss auch jede Saison ein Gesuch an die Kulturförderung des Kantons Glarus erfolgen, um das wahrscheinliche Defizit abzusichern. Denn: Die Preise sollen publikumsfreundlich bleiben, auch das gehört zu den etablierten Werten der Kulturgesellschaft. Ebenfalls braucht es regelmässige Gönner und Sponsoren, die sich an der Finanzierung beteiligen.


Die ehrenamtliche Arbeit des dreiköpfigen Musikressorts besteht darin, die Logistik des Konzerts zu aufzugleisen und die Musiker zu betreuen, Pressebulletins zu schreiben und einzusenden, den Vorverkauf und die Abrechnung zu organisieren. Am Samstagmorgen des Konzerts treffen sich Martin Zimmermann (der dafür extra früh morgens aus Winterthur angereist ist) und die Schreibende, um den Saal einzurichten, der Flügel und Notenständer müssen platziert werden, die etwa 100 Stühle fürs Publikum aufgestellt werden – gratis-Fitness! Um 10 Uhr kommen der Pianist und der Geiger zum Proben, später der Klavierstimmer und eine Lieferung mit Blumendekoration. Präsente und Verpflegung für die Musiker müssen besorgt, der Vorverkauf von der Buchhandlung Baeschlin abgeholt werden. Die Abendkasse wird um 19 Uhr, eine Stunde vor Konzertbeginn durch Jakob Strebi, eröffnet. In kürzester Zeit wurden noch Ersatzprogramme gedruckt und zwei Plakate mit der kleinen Programmänderung am Konzertort platziert. Dennoch - gibt niemand seine Billette deswegen zurück oder reklamiert; im Gegenteil ist das Publikum froh, dass so guter Ersatz gefunden wurde! Zu verdanken ist das dem Pianisten, der als Liedbegleiter ebenfalls gut vernetzt ist. Mit Olivia Vermeulen wird er bald im Gewandhaus Leipzig auftreten (mit anderem Programm) – sie konnten für den Auftritt in Glarus kurzfristig eine Probe in Zürich abmachen, wo die niederländische Sängerin seit wenigen Monaten wohnt. Jan-Philip Schulze ist auch gewieft, wenn es darum geht passende Noten zu finden. Für das gemeinsame Schlusstück des Trios „Auf dem Strom“ kann aus verschiedenen Fassungen eine für Violine, Klavier und Mezzosopran arrangiert werden - für die richtige Tonlage  passend. Sozusagen eine Glarner Uraufführung. Auch das macht es lebendig und spannend.


Viel Tiefe, gutes Relief
Eröffnet wird das Programm mit der Sonate A-Dur D 574 für Violine und Klavier, später erklingt die Fantasie C-Dur D 934, beides tiefgründige, komplexe und sinnliche Werke von hoher Reife. Sie scheinen die ganze Fülle des Lebens, die ganze Gefühlswelt des so jung verstorbenen Komponisten abzubilden – und werden mit viel Relief, mit vielen Klangnuancen gespielt. Wer einen Platz in den vorderen Reihen hat, kann jeden Fingersatz, jeden Griff der Musiker beobachten – für alle, die selbst ein Instrument spielen, umso eindrucksvoller. Die Akustik ist aber auch hinten im Saal gut, vielleicht gar noch etwas etwas besser abgemischt. Bei den späten Liedern von Franz Schubert – eben dem Schwanengesang – wird ebenfalls ein breites Klang- und Themenspektrum abgedeckt: Vom bekannten „Heideröslein“ (mit ein bisschen Me too) – über hochromantisches wie „Heimliches Lieben“ und „Ständchen“ bis zum tragischen Tod in „Die junge Nonne“ und der Schwere des „Atlas“, der die ganze Welt auf seiner Schulter trägt. Nie forciert, immer elastisch und mit guter Dynamik hat Olivia Vermeulen die Lieder interpretiert – eine sehr schöne Stimme, von der wohl in Zukunft noch mehr zu hören sein wird. „Auf dem Strom“, das Rellstab-Lied am Schluss, ist fast eine epische Erzählung und endet mit:  „...kann des Auges sehnend Schweifen, keine Ufer mehr ergreifen, nun so blick ich zu den Sternen, dort in jenen heil'gen Fernen! Ach bei ihrem milden Scheine, nannt' ich sie zuerst die Meine; dort vielleicht, o tröstend Glück! Dort begegn' ich ihrem Blick.“ Musik entrückt aus dem Alltag – fürwahr. Nach dem Applaus heisst es dann aber erst wieder die Möbel im Saal zurechtrücken, aufzuräumen und die Künstler für eine kleine Konzertrückschau bei einem Schlummertrank in den Glarnerhof zu begleiten. Dort erlaubt sich die Schreiberin, das Restaurantpersonal zu bitten, die (zwar leise) Musikanlage im Saal abzustellen. So können die Schwanengesänge von Schubert noch ein Weilchen nachklingen.


Swantje Kammerecker 

Autor

Kulturblogger Glarus

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

11.02.2020

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