Weiteres Theater

Schnitzlers «Fräulein Else»

cheesmeyer, Sissach

Szenische Lesung des Basalttheaters mit Sophie Eglin. Musikalische Begleitung von Alma Ambrosi-Santamaria am Flügel mit Werken von Chopin und Schumann. Ein Stück Weltliteratur von 1924 über den Missbrauch einer jungen Frau. Übergriffe sind vielfältig. Ein aktuelles Thema. Der innere Monolog einer Frau in einer Hotelhalle.

Das Basalttheater macht seit elf Jahren jährlich eine abendfüllende Produktion und vereinzelt Lesungen und szenische Lesungen. Wir fühlen uns guter Textqualität verpflichtet. Wir wollen in unserer Textfassung die Textqualität von Arthur Schnitzler belassen und hervorheben. Das Projekt dieses Sommers ist eine Kostbarkeit.

Arthur Schnitzlers Novellentext „Fräulein Else“ aus dem Jahre 1924 ist ein Stück Weltliteratur: Else ist 19 Jahre alt und eigentlich auf der Suche nach ihrer ersten Liebe. Wir haben als Ausgangslage die Bühnenfassung von Gottfried Greiffenhagen genutzt, gekürzt, bearbeitet, als szenische Lesung gestaltet und mit Musik ergänzt. Den Kontakt zum Publikum haben wir inszenatorisch bestärkt und das Voyeuristische der Nacktheit auf der Bühne vermieden.

Es ist ein innerer Monolog einer jungen Frau, welche im Wien der damaligen Zeit von der Mutter gebeten wird, den bekannten, reichen Herrn Dorsday zu fragen, ob er für den fast bankrotten Vater Geld locker machen könne. Der Reiche will das nur tun, wenn Else sich ihm nackt zeigt. Else wird von Vater und Mutter missbraucht und sexuell vom reichen Herrn Dorsay. Die Eltern riskieren, dass Else missbraucht wird. Sie setzen sie unter Druck. Und Dorsday nutzt das aus. Seine Absicht, sie „nur“ nackt „sehen“ zu wollen, erniedrigt Else.

Diese Konstellation führt Else in eine Krise. Sie demonstriert sich nackt vor allen Leuten im Hotel statt nur vor Dorsday und klagt sie indirekt an. Am Ende ist nicht klar, ob sie sich mit einer Überdosis Schlafmittel umgebracht hat oder ob sie wieder aus der Verunsicherung herausfindet. Sie gerät in einen Zustand der Verwirrung; Realität und Angstzustände kann sie nicht mehr unterscheiden.

Für diese vielschichtige Spannungsbreite in der Person der Else braucht es eine professionelle und vielseitige Schauspielerin, die wir in der Person von Frau Sophie Eglin gefunden haben. Zudem spielt Alma Ambrosi-Santamaria Stücke von Chopin und Schubert, die im Text erwähnt sind. Auch in der Hotelhalle spielt eine Pianistin. Die wunderbare Musik kontrastiert und unterstreicht aber auch die Situation von Else. Die feinen Musikstücke sind sehr emotional und erinnern an die echten Lebenssehnsüchte und an die Vorsicht der jungen Else im Streben nach Liebe.

Aktualität: «Die 1924 veröffentlichte Novelle über Machtmissbrauch und Objektifizierung der Frau berührt durch Themen wie Blossstellung des Opfers und zeigt patriarchale Strukturen. Elses morali-sches Dilemma (Kredithilfe des Kunsthändlers gegen das Entblößen ihres Körpers) ist eine klassische Form sexueller Nötigung. Die Dynamik zwischen einem wohlhabenden, mächtigen Mann und einer abhängigen, jungen Frau spiegelt bis heute bestehende Machtstrukturen wider. Elses Angst vor ge-sellschaftlicher Ächtung und dem Ruin der Familie (Ehre und Scham) treibt sie in die Katastrophe. Die Frage, inwiefern eigene Schamgrenzen durch wirtschaftliche oder soziale Zwänge verletzt werden, bleibt gesellschaftlich relevant.»

Elses Gedankenkarussell und ihr innerer Monolog zeigen das extreme Zerbrechen an Leis-tungsdruck, Isolation und an mangelnden Rückzugsorten in der modernen Gesellschaft.

Elses radikaler Ausweg – den inneren Konflikt öffentlich zu machen, indem sie ihre Hüllen vor der Hotelgesellschaft fallen lässt – ist der ultimative Protest gegen das Diktat der gesellschaftlichen Konventionen.
Else ist ein bisschen femme fatale und ein bisschen exhibitionistisch. Es gefällt ihr, dass die Männer ihre junge Schönheit bemerken. Aber sie will nicht die Bestimmung verlieren, mit wem sie wann eine Beziehung eingeht. Else ist einsam in ihrer jugendlichen Abenteuerlust, in ihrem Selbstgefallen, in ihren Phantasien. Um 1920 entstand ein völlig neues, modernes Körperbild. Die junge, emanzipierte Frau strebte nach Freiheit und Bewegung.

Um 1920 war der menschliche Körper in der Kunst ein vielschichtiges Spannungsfeld. Geprägt durch die Schrecken des Ersten Weltkriegs und den Aufbruch der Moderne, spaltete sich die Darstellung zwischen dem neuen, sportlichen Schönheitsideal der «Goldenen Zwanziger» und der schonungslosen Demontage des bürgerlichen Menschenbildes. Jena Lisa Jones sagt bei der Anhörung zum Epstein-Fall: «Als Teenager haben mir die Worte gefehlt um zu begreifen, was mit mir passiert ist: Ich wusste nicht, wem ich was erzählen könnte, wohin ich mich wenden könnte. Wir waren jung und wurden manipuliert.»

Datum

12.12.2026
18:30 Uhr

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